Eine illustrierte, meditative Erzählung über die Gemälde-Serie "Der Mensch, das unvollkommene Wesen" oder "Die krumme Blume"
 

Eine illustrierte, meditative Erzählung 

In der Welt der Blumen lebte eine Blume jenseits der Gruppe. Ihr Alleinsein hinterfragend schaute sie sich mit mangelndem Selbstvertrauen an und fragte sich: "Warum bin ich eine Außenseiterin? Warum bin ich krumm?" Sie war noch eine junge Knospe, klein und schwach. "Wachsen will ich" sagte sie sich. Dann überlegte sich die Blume: "Aber, was brauche ich denn, um zu wachen und zu gedeihen?" Es fiel ihr ein: "Ach, Humuserde brauche ich" sagte sie sich. 
Sie bekam Humuserde, wuchs schneller und wurde größer. Sie betrachtete sich, freute sich ihres Wachsens und Gedeihens, und sagte sich traurig: "Aber, ich bin immer noch krumm? Was fehlt mir denn?" Als sie darüber nachdachte, fiel ihr ein: "Ach, Wasser brauche ich, mehr Wasser! Was zählt viel Humuserde ohne viel Wasser?"

Sie bekam Wasser, viel Wasser. Ein See öffnete sich in ihr. Sie schaute sich den See und die Segelschiffe an, ganz erfreut. Als sie wieder ihrer selbst bewusst wurde, sagte sie: "Aber, ich bin immer noch krumm! Was fehlt mir denn?" und wurde wieder traurig. Sie dachte nach, gebeugten Hauptes, denn sie war krumm und fühlte sich einsam: Als sie gen Himmel schaute, tief in die Ferne, um ihre Einsamkeit mit den Sternen zu teilen, fiel ihr ein: "Ach, Sonne brauche ich, viel Sonne! Was zählt denn alles andere ohne Sonne" sagte sie sich.
Sie bekam Sonne, viel Sonne. Die Blume lächelte, und die Sonne legte sich zur ihr. Sie wurde zur Sonne und erfreute sich ihres Sonnendaseins, ihrer Größe und ihres Reichtums an Wasser - eine Sonnengöttin, fast eine Narzisstin. Als sie sich eines Tages anschaute und sich sagte: "Aber, ich bin immer noch krumm! Was fehlt mir denn?" Eine schwarze Wolke der Melancholie überzog die Blume. Die Blume wäre aber nicht die Blume, würde sie sich der Melancholie überlassen. Sie fragte sich nur: "Es muss doch eine Lösung geben!.. Warum bin ich krumm?" "Ach," dachte sie "Luft brauche ich, mehr Luft, frische Luft."
Sie bekam frische Luft, die sie tief in sich hinein atmete und wuchs über sich hinaus. Die Luft streute ihren Duft in alle Winde. Die Blume entfaltete Anziehungskraft und erfreute sich dessen, dass Kinder zu ihr kamen und ihre Luftballons und ihre Drachen fliegen ließen. Die Blume fühlte Unsichtbares, schaute hin, schloss ihre Augen und sah: "Einsamkeit lag in der Luft!" Die Blume, wieder gelandet bei sich, schaute sich traurig an und sagte: "Aber, ich bin immer noch krumm? Was fehlt mir denn?" Ihr Herz raste "ach, die Liebe" sagte sie "Liebe brauche ich, viel Liebe. Wie kann ich wachsen und gedeihen ohne Liebe, ohne Geborgenheit?"
Sie bekam Liebe, viel Liebe. Sie liebte mit der Liebe des Herzen. Versunken im Liebesrausch sah sie die Welt rosarot. Als sie eines Tages sich im Spiegel betrachtete, sagte sie wieder: "Aber, ich bin immer noch krumm!" Die rosarote Welt verschwand, ihre Seele wurde trüb und sie zog sich zurück. "Warum begleitet mich denn diese Unzufriedenheit - mal mehr, mal weniger? Warum bin ich krumm, nicht kerzengerade" fragte sie sich. Sie überlegte, sich ihrer Andersartigkeit fast schämend, obwohl sie groß und schön war. "Vielleicht fehlt mir das Selbstvertrauen" sagte sie sich, "Ach, das Wissen, die Bewusstseinserweiterung! Mir fehlen die Erkenntnisse! Die Ur-Erkenntnis vom Blumen-Dasein. Ich will mein Bewusstsein erweitern und geistig wachsen."
Getrieben vom Erkenntnisdrang strebte sie nach der Bewusstseinserweiterung. Sie suchte und fand viele Vorbilder: Da Vinci, Sigmund Freud, Aristoteles, Dante, Dostojewskij und viele mehr... Sie lernte eifrig, erweiterte ihr Bewusstsein und entwickelte ihre Persönlichkeit. Je mehr sie lernte, desto mehr wurde sie sich der Macht ihres Unterbewusstseins bewusst. Sie bereiste all die geistigen Wunderländer - die sichtbaren und unsichtbaren. Sie wanderte lange und landete bei sich selbst. Gelandet bei sich selbst, stellte sie fest: "Aber, ich bin immer noch krumm!" Mit all der Kraft ihres Bewusstseins schaute sie tief in sich hinein und sagte sich: "Ach, das Unterbewusstsein, das Unterbewusstsein - die Abgründe meiner Seele! Da liegt des Pudels Kern. Da löse ich das Rätsel - das Rätsel: warum bin ich krumm!"
Sie begab sich auf den Weg zu ihrem Unbewussten. Sie überließ sich in dem Wasser und schwamm, während ihre Wurzeln tief in der fruchtbaren Humuserde lagen. Die Luft streichelte ihre Seele und verwandelte ihre Blätter zu einem Segelschiff. Die Sonne lächelte und gab ihr viel Energie. All die Liebeserinnerungen der Blume verliehen ihr Herzenskraft. Sie segelte und segelte. Sie sah Land und ein Tor, ein schwarzes, das sich öffnet. Sie ging hinein - ein Abenteuerland: Es war Tag und Nacht zur gleichen Zeit. Freude und Trauer eine Einheit, ein Walzer tanzendes Paar! Tief und erschreckend waren die Abgründe der Seele. Sie schaute hinein und sah: drinnen die Kontraste der Seele. Die Blume verstand nichts von dem, was sie sah, was sie fühlte, was sie hörte und was sie roch! Sie war wie ihrer Sinne beraubt, auch ihres Geschmacksinns und hatte keine Ahnung davon, was sie erlebte, obwohl sie alles alles intensiv erlebte. Sie verweilte da, der Verstand abwesend, verreist! Als sie, die Blume, die nie aufgibt, nach ihrem Verstand suchte, sah sie ihr Bewusstsein so klein an der Spitze eines zum Eis gefrorenen Bergmassivs. Die Blume schloss ihre Augen und meditierte im Abenteuerland des Unbewusstseins. Ihr Bewusstsein sagte, notdürftig, kaum verständlich: "Das, was du mit dem ganzen Körper erlebst, wofür aber dein Kopf keine Erklärung findet, ist die Intuition!" Sie ging aus sich heraus und betrachtete ihr eigenes Selbst. Sie sah zu, wie ihre Blätter vergilbten. Sie betrachtete, dass die Luft, die ihr einst den Atem zum Leben verlieh, nun kaum ihre Lunge, dafür mehr ihre Blätter streichelte. Während sie mit ihrem geistigen Auge die Vergänglichkeit alles Lebendigen beobachtete, breitete sich ein ewiges Lächeln aus. Die Blume lehnte sich zurück und sagte: "Ich bin eben krumm!" Dann hörte sie eine Stimme! Etwas meldete sich, nur dies Mal, wonach sie gar nicht strebte - der Tod.
Sie blieb zurückgelehnt sitzen, während der Tod sagte: "Du hast ein erfülltes Leben geführt. Du warst hungrig nach Erkenntnissen, durstig nach Wissen. Aus einer Frage, die begann mit einem einfachen Warum und endete mit dem Wort "Krumm", bist du gewachsen aus der Erkenntnis heraus. Du bist physisch, geistig und seelisch gewachsen, was in der Welt leider eine Seltenheit ist. Du bist eine seltene Blume, eine von den Krummen, den Außenseitern mit Herz und Verstand. Du lebtest in vollen Zügen. Nun bin ich da und das Leben geht weiter." Der Tod schwieg. Die Blume schloss ihre Augen und sagte: "Ja, ich weiß, du bist da!" Sie schwieg, der Tod schwieg. Sie wollte schweigen, ewig schweigen. Dann sagte sie aber doch: "Ach, ich habe ein Geheimnis. Weißt du was für eins?" "Ja," sagte der Tod "ich weiß! Die junge Blume, die Knospe, sie ist krumm!" Während die junge Blume wuchs und anfing, sich zu fragen, "warum bin ich krumm", verwandelte sich die Blume, die Alte, die Krumme, in ein ewiges Lächeln. Sie bedankte sich bei der Humuserde, trankt einen Schluck Wasser, den allerletzten Schluck, sie umarmte die Sonne, grüßte ihre Vorbilder, sagte ihrem Unterbewusstsein "danke, es war okay, auch die Abgründe meiner Seele", sie küsste all ihre Liebeserlebnisse und löste sich auf in der Luft. Seit dem lächelt der Himmel alle Blumen, alle Pflanzen, alle Tiere, alle Menschen, alles, aber alles an und seitdem fragen sich immer einige Blumen, die krummen: "Warum bin ich krumm? Was fehlt mir denn?" 

 

Gewidmet den krummen Blumen, die sich aus der Erkenntnis heraus entwickeln. 
Gewidmet den Menschen, die sich Ihrer Unvollkommenheit bewusst sind, strebend zum "Wahren, Schönen und Guten", wie einst Goethe, der umgeschulte Linkshänder, sagte.

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In dieser Gemälde-Serie bearbeitet der Künstler Hemo die Bilder, die er in einer entspannten, tiefen Meditation mit geistigem Auge betrachtete. Vor der Meditation auf einem Wochenendseminar für Führungskräfte, hieß es, "wenn ein Samen in die Erde fällt, wächst die Pflanze. Sie ist vollkommen. Das Korn ist vollkommen, aber der Mensch nicht." 

Das Korn möge vollkommen sein und vollendet - der Mensch ist ein unvollkommenes Wesen. Der Mensch kommt, ausgestattet mit Begabungen und Talenten, mit anderen Worten, jedes Individuum mit seinem Potential auf die Welt, was der Künstler als den inneren Rahmen malte. Dann wächst der Mensch in einen mehr oder weiniger gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich, sozial und psychisch vorgegebenen Rahmen hinein. Er entwickelt sich in zum größten Teil schon vorhandenen Strukturen, in Grenzen, was der Künstler als den äußeren Rahmen eines jeden Gemäldes - im üblichen Sinne den Gemälderahmen - darstellt. 

Der Künstler Hemo, deutscher Staatsbürger, kurdischer Herkunft, umgeschulter Linkshänder, der sich zurückschulte, dachte nach dieser Meditation, in der er diese Geschichte in Bildern betrachtete, dass dies auch mit seinem Außenseiter-Dasein zu tun hat, was sich in einem Moment der Entspannung in der Bildersprache zeigte. Erst nach vier Jahren verarbeitete der Künstler diese Meditationsbilder, die er damals in Stichworten notierte, zu einer Gemälde-Serie - Dank der von ihm entwickelten Essenzmalerei.